Die Zwerg Anton Sage

 
Bei Alverdissen liegt ein kleiner Busch, der hieß früher der Küsterbusch, aber jetzt heißt er die Helle; in dem haben früher unter einem Stein Zwerge gewohnt.  
Da ist auch einmal ein Mann gewesen, der sollte 200 Taler bezahlen, die er sich geliehen hatte, und konnte es nicht. Da ist er traurig hinausgegangen, und wie er so geht, steht auf einmal ein Zwerg vor ihm, der fragt ihn, was ihm denn fehle. Da erzählte er ihm alles, und der Zwerg sagte, er solle nur mitkommen. Daraufhin sind sie zum Stein in der Helle gegangen, und der Zwerg ist darin verschwunden, aber bald nachher ist er mit 200 Talern wieder herausgekommen; die hat er dem Manne gegeben und hat gesagt: “Ich leihe sie dir; aber übers Jahr auf Tag und Stunde muss ich sie wieder haben. Dann komm nur her und rufe: Anton! So komme ich und nehme sie dir ab.“
Der Mann ist vergnügt nach Hause gegangen und hat sich nach Jahresfrist auch zur rechten Zeit wieder eingefunden, aber eine ganze Weile hat er vergeblich gerufen. Endlich ist ein anderer Zwerg aus dem Stein gekommen und hat ihm gesagt: „Anton ist tot. Geh nur ruhig heim und behalte dein Geld.

Quelle: Adalbert Kuhn: Leipzig 1859 - Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen und einigen andern, besonders den angrenzenden Gegenden Norddeutschlands.



Der Zwerg aus der Windmühle

Albert Albeshope, der Oberzwerg vom Saalberg, war niemals wirklich froh. Er, der Urgroßvater vom Anton, hatte auch mal einen Sohn und dieser ebenso. Beide waren lange schon tot. So hatte Albert Albeshope seine liebe Not. In der Windmühle bei Sonneborn, mahlte er das Korn und seine Alte buk das Brot. Doch diese war nun auch schon tot. So blieb ihm nur der Urenkelsohn, Anton.
Der kleine Kerl machte es dem Alten niemals recht, alles was er anpackte fand der Urgroßvater schlecht. Er war ein richtiger Tyrann, schrie den Kleinen ständig an. Dabei war Anton doch so liebenswert und nett.
„Ich füttere dich durch, gebe dir ein Bett, dafür hast du dich zu fügen. Und höre auf so dreist zu lügen!“ schimpfte Albert Albeshope
Der kleine Zwerg log seinem Urgroßvater tatsächlich ins Gesicht. Er hatte an jenem Tag einfach keine Lust, die schweren Säcke zu schleppen. So erfand er eine Ausrede, doch der Alte ließ sich nicht neppen.
„Du wirst lernen, was wirklich harte Arbeit ist!“ schrie der Oberzwerg.
Kurzerhand packte er Anton an und schleppte ihn aus der Mühle raus.
„Dir treibe ich das Lügen aus!“
Für ein paar Taler verkaufte er seinen Urenkelsohn an einen reichen Baron.
Dieser brauchte eine Arbeitskraft für wenig Lohn, da kam ihm der neue Knecht gerade ganz recht.
„Hier wirst du keine Ruhe finden, du kannst schuften und dich schinden!“ sprach der Urgroßvater voller Hohn, zufrieden lächelte auch der Baron.
„Schau dich nur um auf meinem Hofe!“ sagte er voller Stolz.
Anton sah, überall lag ganz viel Holz.
„Laufe zur Zofe, sie weist dich in die Arbeit ein und in zwei Stunden wird diese dann fertig sein!“ erklärte der reiche Herr und ging davon.
Er ließ den ratlosen Anton zurück, doch die Dienstmagd kam zu ihm, dass war sein Glück.
„Das Holz musst du hacken kleiner Mann, am Besten du fängst sogleich mit der Arbeit an. Der Herr möchte es warm haben im Hause. Gönne dir niemals eine Pause, dann wirst du die Knute zu spüren bekommen!“
Da war Anton ein wenig benommen. Dennoch hat er sich besonnen und mit Eifer ans Werk gemacht. Nach zwei Stunden war die Arbeit tatsächlich vollbracht.
Vier lange Zwergenjahre blieb er bei dem Baron in Fron. Doch als dieser in einer Nacht, sich heimlich hatte aus dem Staube gemacht, trat ein neuer Herr an dessen Stelle. Hans Küster, der Besitzer vom Alverdisser Steinbruch.

                                                  

Der verhängnisvolle Tag im Steinbruch

Als die Sonne in Alverdissen aufging erwachte Zwerg Anton und kroch unter seinem Stein hervor. Husch, husch, husch verschwand er schnell im dichten Unterholz vom Küsterbusch. Er hörte die anderen Zwerge lachen, wie immer, wenn er es verschlafen hatte, waren sie dabei sich über ihn lustig zu machen. Er gähnte laut und streckte sich, spritzte Wasser ins Gesicht. Die Katzenwäsche musste langen, denn er sah mit Bangen, dass die anderen schon ein ganzes Stück des Weges waren gegangen. So schnell es ging lief er dem Trüppchen hinterher, er schniefte und keuchte, denn seine Last war ziemlich schwer. Mit geschulterter Spitzhacke schritt der kleine Mann tapfer voran.
Anton war ein braver Zwerg und verrichtete seine Tagwerk im Steinbruch von Alverdissen. Manchmal fand er das ganz schön besch... eiden.
Hart war die Arbeit und schwer, die Zwerge wurden schlecht entlohnt dafür. Doch Anton war voller Tatendrang und machte sich mit Fleiß daran, mit der Hacke zu spalten das Gestein vom Berg.
Gegen Mittag brannte die Sonne gar zu arg, da verzog er sich, der kleine Zwerg und verschwand unter dem Geröll. Dort war es kühl und nicht mehr so grell. Durch einen Spalt sah er etwas in der Sonne glitzern und kroch ganz schnell aus seinem Versteck. Bevor er zu der Stelle kam, war das Glitzern jedoch weg. Es war ganz bestimmt ein Bergkristall. Anton suchte ihn überall, doch er blieb verschwunden. Sicherlich hatte ihn ein anderer Zwerg unterdessen schon gefunden.
Zwerg Anton kratze sich den Kopf, die Sonne brannte heiß auf seinen Schopf, so kroch er wieder unter einen großen Stein. Leider kam er nicht ganz in den Spalt hinein, da drinnen lagen schon zwei Zwerge. Anton fand das ziemlich frech, immer hatte er nur Pech.
Auf einmal zog etwas derb an seinen Beinen und Anton begann zu greinen. Er wurde in die Luft gehoben, dass war vielleicht eine Aussicht von da oben. Doch ihm verging sehr schnell das Staunen, als er in die Augen blickte, die großen Braunen.
„Was treibst du da unter dem Gestein? Sollst doch bei der Arbeit sein!“ fing eine Stimme laut an zu schreien.
Sie gehörte zu Gottfried, einem dicken Mann, der jeden Tag ab Mittag kam, um den alten Gustav zu vertreten. Wenn Gottfried auftauchte, begannen die Zwerge heimlich zu beten. Denn der Aufseher war ein fieser Kerl, er brüllte und kommandierte nur herum. Selber machte er niemals einen Finger krumm. Der alte Gustav jedoch war nett zu den Zwergen, er hatte immer ein paar Krümel Brot für sie bereit. Doch Gustav ging zur Mittagszeit.
Gottfried stellte den Anton wieder unsanft auf die Erde nieder.
„Mach dich an die Arbeit du fauler Wicht, sonst bekommst du deinen Lohn heute nicht!“
Anton trottete davon, Gottfried brüllte laut vor Zorn. Der kleine Zwerg stieg mutig auf den Berg und setzte seine Hacke an, imponieren wollte er dem großen Mann.
Er holte kräftig aus, um die Spitze in den Stein zu schlagen, dass tat er wieder und wieder. Doch plötzlich spritzte ihm Gestein ins Gesicht und Anton verlor sein Gleichgewicht.
So nahm das Schicksal seinen Lauf.
Anton stürzte in die Tiefe hinab, prallte auf den Steinen ab, hart schlug sein schmächtiger Körper auf dem Boden auf.
Alle Zwerge kamen angelaufen, hockten sich vor ihm nieder.
Anton lag ganz stumm da, verrenkt waren all seine Glieder.
Er war tot, der kleine Zwerg, gestorben als Held beim Tagewerk.
Die Zwerge nahmen ihre Mützen ab und begannen leise zu beten, selbst der dicke Gottfried schaute sehr betreten.  
                                                                                     

Spuk im Schloss

Als der kleine Zwerg im Steinbruch tot am Boden lag, grollte der Donner und ein Blitz schlug ein, Zwerg Anton wurde so zu Stein. Doch niemand sah den hellen Schein der zum Himmel aufstieg. Das war Antons großer Sieg, denn seine Seele war frei und so konnte er sich ein Plätzchen suchen und als Geist all jene ersuchen, die alles hatten im Leben und nicht bereit waren von ihrem Reichtum etwas abzugeben.
Zuerst zog Antons Geist in die Kirche ein von Alverdissen, doch anno 1842 wurde diese abgerissen. So benötigte er ganz unverwand einen neuen Unterstand. Da kam ihm das Schloss, was Fürstin Pauline um 1812 erstand, in den Sinn. Dort zog es ihn hin. Der Spruch am Eingangstor kam ihm wie ein Wink mit dem Zaunpfahl vor.
„Im Erdulden des Bösen, im Hoffen auf das Gute, vergeht das Leben und der Tod kommt“ stand dort geschrieben.
Wäre er nicht längst schon ein Geist gewesen, hätte er niemals dort sein Unwesen getrieben.
Ein Schloss war es in diesem Sinne schon lange nicht, zunächst ein Amtshaus, später ein Gericht.
Im Laufe der Jahrzehnte bekam Anton viele Leute zu Gesicht.
Anton hatte sehr viel Spaß daran die feinen Herrschaften zu necken und sie immer wieder zu erschrecken. Er stahl ihnen Wertsachen und so manchen Taler. Die Aufregung war immer groß. Wo ist dieses hin, wo war jenes bloß? Das Suchen hatte nie einen Sinn, Taler und Schmuck, alles war dahin. Ja, die Schönen und Reichen mussten ganz schön leiden unter seinen Streichen. Doch die armen Leute beschenkte Anton mit der Beute, welche er der feinen Gesellschaft abgenommen hatte.
Einmal legte er einer Bankiersfrau eine Ratte ins Bett, weil diese sich über ihr angeblich faules Zimmermädchen so sehr erbost hatte. Die gnädige Dame fand das gar nicht nett und zog ganz schnell wieder aus.
Doch es kamen immer wieder neue Besitzer in dieses wunderschöne Haus.
Zwerg Anton konnte einfach nicht ruhen, viel zu viel hatte er zu tun.
Erst als das ehemalige Schloss dann leer stand, auch Antons Geist endlich seinen Frieden fand.
Wer das Schloss Alverdissen noch niemals hat gesehen, sollte einmal nach dem Rechten sehen. Vielleicht spukt Antons Geist doch noch in den Gemäuern und sucht nach Abendteuern.
Oder aber, es findet irgendjemand den geheimnisvollen Stein, der einst Zwerg Anton soll gewesen sein. 

Quelle: Uwe Wittbrock, Barntrup (www.teutoburger-maerchen-wald.de)

Zeichnungen: Rainer Terschluesen

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